„Räumlichkeiten“
Petra
Mostbacher-Dix, im Februar 2006
Wie nähert man sich diesen Räumlichkeiten an?
Was tut man - was tun Sie - um sich Begrifflichkeiten zu
nähern?
Ich habe nachgeschlagen in verschiedenen schlauen Büchern.
Und freilich habe ich dort vielerlei Definitionen gefunden.
Beispielsweise, dass der Begriff Raum vom Althochdeutschen
„rumi: weit, geräumig“ stammt.
Im Sinne der
Architektur bezeichnet
er einen durch Bauteile oder Gebäude wahrnehmbar
definierten Bereich, etwa einen Platz(raum), Außenraum,
Innenraum. Das Definieren, Fügen und Gestalten von Räumen
ist eine zentrale Aufgabe der Architektur - und im
landläufigen Sprachgebrauch werden Räumlichkeiten im
Bereich des Wohnens benutzt.
In der
Physik ist der
Raum die Menge aller Orte. Alle physikalischen Vorgänge
spielen sich im Raum ab, er ist somit eine Art
„Behälter
für Materie und Felder“. Seine
formalen Eigenschaften entsprechen denen eines
mathematischen Raumes.
Interessant fand ich nun den
Raum in der Mathematik, dort ist er eine mit einer Struktur
versehene Menge. Der
nächstliegende Raumbegriff deckt sich also mit dem
"Anschauungsraum",
d.h. er ist gekennzeichnet durch die drei Dimensionen
(Richtungen) * rechts links * oben unten * vorne hinten.
In der
Elektrotechnik bezeichnet
er wiederum das Unsichtbare, den Ort beispielsweise, wo die
elektromagnetische Strahlung ihre Felder aufbaut.
Und in der Kunst? Hier
wird Raum etwa durch unterschiedliche Perspektiven erzeugt,
die wiederum haben verschiedene Bildwirkungen zur Folge. In
der Vogelperspektive werden wir mit Weite konfrontiert,
Personen erscheinen unwichtig. In der Froschperspektive
geht es um Höhe, alles wird gewaltig, Personen wirken
mächtig, erhaben, stolz bezüglich der abgebildeten
Bildlinien.
Und in einem neuesten
philosophischen Theoriestrang, der
unter anderem von Peter Sloterdijk Philosophieprofessor und
Rektor an der Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe,
thematisiert wird, werden Räume als ‚Atmosphären‘
aufgefasst.
Warum sage ich das alles?
Weil in gewisser Weise all diese Definitionen auf Peter
Francks Arbeiten, die wir hier sehen zutreffen.
Auch er baut in seiner Malerei, auch er erzeugt dadurch
verschiedene Perspektiven. Er schafft transparente, ja
unsichtbare Verbindungen, dann konfrontiert er uns wieder
ganz handfest mit Linien, an denen wir nicht vorbei kommen.
Wer sich Zeit nimmt und vor der einen oder anderen Arbeit
länger stehen bleibt, der merkt, dass Peter Franck sowohl
in die Tiefe geht beziehungsweise uns in die Tiefen des
Bildaufbaus blicken lässt, aber gleichzeitig das Objekt in
die Höhe treibt.
Freilich arbeitet er dabei nicht nur mit dem Pinsel. In
unzähligen Arbeitsschritten grundiert er Leinwände oder
Holzplatten in verschiedensten Formaten. Er zeichnet darauf
- Grundrissartiges, Stadtplanartiges, Formenspiele oder
Häuser - dann wieder wird überklebt er das Ganze mit weißem
oder schwarzen Gaffertape – wir kennen das aus dem
Filmbereich -, übergießt es immer wieder mit Acryl und
überzieht es womöglich wieder mit gegenläufigen,
hauchzarten Linien. Mitunter sind seine Arbeiten, seine
Objekte der Malerei fast an die 10 Zentimeter dick, massiv
ragen sie von der Wand in den Raum hinein, just wie Häuser
auf einem dreidimensionalen Stadtplan.
Durch seine Arbeitsweise – Peter Franck arbeitet immer an
mehreren „Bildbaustellen“ gleichzeitig – gibt uns der
Künstler nicht nur einen Einblick in einen Arbeitsprozess,
einen Zeitablauf, der aus Geben und Nehmen, Planung und
spontaner Reaktion besteht, er gibt uns gleichzeitig einen
Einblick, mal mehr, mal weniger in die Welt hinter der
Fassade der Bildoberfläche. Seine Objekte sind durch ihren
Aufbau wie Guckkästen – die uns den Grundriss, auf dem
dieses vielschichtige malerische Haus gebaut ist, erahnen
lässt. Erahnen ist das operative Wort. Denn die Statik der
Zeichnungen, die Grundrisse, die unterliegende Basis wird
von Peter Franck durch die Überlagerungen, das
Aufschichten, das Einmontieren oder Einarbeiten von
mitunter Fotomotiven in Frage gestellt, der Aufbau, die
Grundfesten, die Basis geraten sozusagen ins Wanken.
Formal gesehen ist es wahrhaft der Versuch einer Quadratur
des Kreises, den wir hier miterleben. Denn Franck arbeitet
mit Kontrasten auf mehreren Ebenen mit mehreren
geometrischen Formen. Er setzt nicht selten in runden
Kastenformen oder gar Zylindern Geradliniges,
Quadratisches, - oder er rundet bei seinen Rechteckformen
die Ecken ab, so dass sie, mathematisch immer weiter
verkürzt, zu Kreisen werden würden. Wir haben also Tiefe
und Fläche, die mittels einer gewissermaßen transformierten
Geometrie gegeneinander gesetzt sind. Spannend ist zudem
der Aspekt, das Kreis und Quadrat Urformen darstellen. Sie
sind in fast allen archaischen Kulturen zu finden als
perfekte Formen - hier in der Schau verkörpern sie quasi
eine Reduktion mit Ewigkeitsanspruch, die noch durch den
Extremkontrast des schwarz-weiß Spektrums auf die Spitze
getrieben wird.
Das heißt aber auch für uns als Betrachter: Nichts ist so,
wie wir es gewohnt sind. Hier geht Malerei nicht nur bis an
das Limit - sie überschreitet Genre- und
Wahrnehmungsgrenzen, indem sie zwischen Zwei- und
Dreidimensionalität hin- und heroszilliert- sie hält uns
stetig in Bewegung. Diese Muster mit ihrem Rhythmus, die
auf den ersten Blick so überschaubar und ruhig daher
kommen, beginnen nach längerer Betrachtung zu flirren, ein
Eigenleben zu entwickeln. So kommen bei Franck einerseits
Genreabgrenzungen auf den Prüfstein, aber auch Stilfragen
werden mit an den Pranger gestellt.
Pranger hört sich nun hart an, nehmen Sie meine
Ausdrucksweise bitte mit einem Schuss Ironie. Wovon ich
rede, ist die Manie der Menschheit, in der Kunst und bei
den Kunsthistorikern im Speziellen, alles in Schubladen
einzuordnen. Das ist freilich zwangsläufig nötig – sonst
würde man den Überblick verlieren. Dennoch werden wir hier
auch mit der Frage konfrontiert, ist jemand, weil er
geometrische Linien klebt, ein Konstruktivist? Oder hat
Peter Franck gar Affinitäten zur Op-Art?
Und so einfach macht er es uns eben nicht. Das ist auch gut
so. Denn Franck wartet in jeder Arbeit mit einem kleines
Phänomen auf. Bei manchen muss man genauer hinschauen, bis
man es entdeckt, bei anderen ist es wiederum sehr deutlich
– die Irregularität. So schnappt sich Peter Franck immer
wieder, gerne am Schluss kurz bevor die Bildbaustelle vor
der Schließung steht, den Farbpot und den Pinsel, um das
mühsam in einem langen, fast mitunter meditativen Prozess
Aufgebaute mit einer dicken gestischen Spur wieder
durchzukreuzen oder um despektierlich einen Farbtropfen auf
die Oberflächen platschen zu lassen. Dann wieder schreibt
er roh Zahlen falsch herum, lässt sie triefen, fließen,
verflecken, ja zerstören. Oder wir entdecken kleine feine,
an den Rändern ausfransende Pünktchen, genauso wie richtig
fette – sie verzeihen mir das Wort – Tropfen. Schließlich
sind es auch mal krakelige Striche, die innerhalb des
Acryls schweben oder oben aufliegen und uns aus dem
Rhythmus der Linien, den Tiefen der Überlagerungen in die
Wirklichkeit holen. Sprich, diese Unregelmäßigen im System
gehen im wahrsten Sinne des Wortes gegen den Strich und
hieven uns aus dem Gleichgewicht unserer Wahrnehmung,
unserer Sehgewohnheit, in diesem Fall unserer gerade
gefundenen Sichtlinie.
Das bedeutet, mit jedem neuen Objekt, für das wir uns Zeit
nehmen, müssen wir umdenken. Und hier in dieser
Gesamtpräsentation wird unsere Gehirnrädchen zudem – das
Konzept zieht sich vom Objekt über die Wand weiter - mit
der Hängung am Laufen gehalten. Immer wieder denken wir,
ein Sehlinie gefunden zu haben. Manche Arbeiten sind ganz
brav in Reihungen untereinander oder nebeneinander gehängt.
Aber dann – baff – tanzt das nächste Werk wieder aus der
Reihe.
Deutlich wird nun, was wir zunächst für einen Zufall oder
vielleicht Fehler halten mögen, also die schräge Hängung,
die irritierenden Tropfen, die durchgekrakelten oder
scheinbar durchgeschmierte Passagen, sind durchaus bewusste
Entscheidungen. Es sind – das mag in sich widersprüchlich
klingen - gesteuerte Zufälle, die Emotio und Ratio,
ursprünglich Archaisches mit logisch Technischem
zusammenbringen. So lässt sich Peter Franck durchaus Zeit,
mit seiner abschließenden Bildoberfläche. Schließlich ist
dieser Endpunkt, dieser letzte Akzent wesentlich. Die
Frage, wann ein Bild, ein Objekt fertig ist, ob es
überhaupt jemals fertig wird – Sie als Betrachter gehen
schließlich auch damit um –, ja, es überhaupt fertig werden
muss, steht damit gleichwohl im Raum. Das Objekt kann immer
weitergedacht werden, über den Rahmen hinaus, genauso wie
in die vorher schon erwähnte Tiefe hinein.
Insofern ist diese „scheinbare Zerstörung“, dieses am
Schluss nochmals den Rhythmus aus dem Konzept bringen, auch
eine Auseinandersetzungen mit ganz tief menschlichen
Bedürfnissen nach Ordnung im Chaos, nach einem Raum mit
Struktur, in dem man sich zurecht findet, der aber – à la
Bauhaus-Wohnungen – einem mit der Zeit die Luft abschnüren
kann.
Schaut man durch die Menschheitsgeschichte, so zeigt sich
besonders in den Jahrzehnten nach Entdeckungen und
Veränderungen, also in Zeiten, in denen die Welt immer
komplexer geworden ist, eine beständige Sehnsucht nach
Ordnung, nach einem Raum mit Struktur. Der italienische
Historiker, Philosoph und Politiker Benedetto Croce
beschrieb es folgendermaßen: „Die Freiheit ohne soziale und
wirtschaftliche Ordnung lässt sich nicht denken.“ Ein Wort,
das zu den gegenwärtigen Diskussionen über Schutz vor
Terror und Datenschutz passt. Wie viel Freiheit gebe ich
für Sicherheit ab? Oder anders herum: Muss ich überhaupt
für Sicherheit die Freiheit beschneiden?
Und so ist, was wir hier an der Wand ungewohnt gehängt
sehen auch eine Auseinandersetzung, so meine ich, mit eben
jenen Dingen und Begriffen. Von der Chaostheorie wissen
wir, dass auch dort eine Art Ordnung herrscht, auf der
anderen Seite aber auch das Chaos, sprich ein Verlassen des
üblichen Weges, vielleicht auch Zerstörung nötig ist, um
Neues gebären zu können. Friedrich Nietzsche formulierte es
in „Also sprach Zarathustra“: „Ich sage euch: Man muss das
Chaos in sich haben , um einen tanzenden Stern gebären zu
können.“ Und auch Christian Morgenstern meinte in „Stufen“:
„Vom höchsten Ordnungssinn ist es nur ein Schritt zur
Pedanterie.“
Ich denke, diese Worte würde Peter Franck, so wie ich ihn
kennengelernt habe, wohl unterstreichen. Er ist ein
Querdenker, interessiert sich für Unterschiedlichstes
jeglicher hochgeistigen Couleur, findet seine Inspiration
aber auch im banalen Alltag, in den vielen Bildern,
Ereignissen, die scheinbar chaotisch auf uns einstürmen.
Gleichzeitig, oder gerade deshalb, kennt er diese Sehnsucht
nach Ordnung, kennt aber auch deren Gefahr, wenn das
Pendel, wie angedeutet, umschlägt. Er beschäftigt sich denn
auch wissenschaftlichen Theorien, genauso wie Zahlen,
Mathematisches spielt eine Rolle, wie freilich Architektur
oder Stadtpläne, allesamt auf den ersten Blick eine
Ausprägung der Ordnung. Auf der anderen Seite gibt es auch
wild gewachsene Städte, die wiederum sehr viel über die
Geschichte dieser Ansiedlung aussagen. Schaut man einen
Stadtplan an, geht tiefer in die Straßenzüge hinein, oder
schlüpft geistig in den Grundriss eines Hauses, so kommt
man zwangsläufig zu Allzumenschlichem, zu Wachsen und
Vergehen.
Dieses tiefer Eindringen meint wiederum ‚eine andere
Blickweise annehmen’, womöglich von der Ordnung, der Logik
weg hinunter in dieses Bauchgefühl zu gehen, die Emotion zu
erspüren. Zu Recht, längst hat die Wissenschaft
nachgewiesen, dass der Emotional Quotient, der EQ wichtiger
ist, als der Intelligence Quotient, der IQ. Ohne EQ, der in
unserem archaischem Stammhirn sitzt, könnten wir keine
Prioritäten in unserer schönen heilen Logikwelt setzen.
Apropos schöne Welt, wenn auch auf dem ersten Blick nicht
ersichtlich, so erinnerten mich Peter Francks Arbeiten auch
an David Lynchs Filmmotive. Auch dort zoomt sich die Kamera
von einer wunderbaren Oberfläche amerikanischer Kleinstädte
in die Verwurmung der Grasnabe. Franck erzählte mir denn
auch, dass Lynch einer seiner Lieblingsbildermacher ist.
Dieser Aspekt der Entfremdung, der Diskrepanz zwischen
Schein und Sein kommt übrigens inhaltlich vor allem in
Peter Francks Fotografien zum Tragen. Dort arbeitet er mit
farblichen und motivischen Verfremdungen. In barock oder
biedermeierlich anmutenden Interieurs werden etwa
zeitgenössische Motive wie High Heels einmontiert,
wunderbare Strandmotive zu vergilbten Traumsequenzen
umgedeutet und surreale Effekte erzeugt. Diese nicht minder
faszinierende Seite des Künstlers können Sie bei der Langen
Nacht der Museen im Tiefbunker unter dem Marktplatz
kennenlernen, wo Vero Wollmann Francks Fotoserie „Hotel –
Vacancy – the dark side“ präsentiert.
Doch nun zurück in die Talstraße und zu den schwarz-weißen
Werken Francks. Und hier bleibt uns noch die Frage zu
klären: Keine Konstruktion ohne Dekonstruktion? Ja, möchte
man antworten – wir haben es vorher schon bei den Begriffen
Ordnung und Chaos angedeutet. Ohne Zweifel ist das, was uns
hier präsentiert wird, wie ein Schlag in unserer
Komfortzone, in unser Schubladendenken. Wie sagte noch der
portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa in seinem
„Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“?
„Denken heißt zerstören.“
Jetzt könnten wir natürlich politisch werden und sagen,
genau das ist der Grund, warum Diktaturen oder
fundamentalistische Religionsführer tunlichst dafür sorgen,
dass ihren Untergebenen nur das genau zensierte Maß an
Bildung – wenn überhaupt eines – zukommt: Die könnten ja
womöglich zu denken anfangen und damit das staatliche oder
religiöse Gebäude zerstören. In diesem Sinne sind die
Arbeiten Peter Francks nicht nur eine Auseinandersetzung
mit Formen, Flächen, Linien, Rhythmen –, sondern auch eine
Auseinandersetzung mit den Gedankengebäuden der Welt.
Was wir hier also sehen ist eine Art Ausbruch, eine Stimme
der Freiheit, ein Dolchstoß wider alle Dogmen. Freilich
nicht als Weisheit letzter Schluss, sondern eben auch als
Diskussionsgrundlage über diese verschiedenen Weltsichten.
Wie definierte der bekannte Lyriker, Lektor und
Kunsttheoretiker Kurt Leonhard Kunst einmal? Er sagte, dass
„Kunst ein Einüben von Freiheit als eine Form von Leben“.
Ich meine, genau dieses bekommen wir hier vorgeführt:
Räumlichkeiten, in denen sich tief und auf der Oberfläche
die Formen des Lebens tummeln.
Nun möchte ich Sie nicht länger davon abhalten, in diese
einzutauchen. Allerdings einen Tipp des deutschen
Philosophen und Schriftstellers Herbert Marcuse möchte ich
Ihnen noch auf Ihren Weg durch Peter Francks
„Räumlichkeiten“ mitgeben. Er schrieb in seinem „Argumente
und Rezepte. Wörter-Buch für Zeitgenossen just so, als ob
er des Künstlers Werke gekannt hätte: „Du sollst dich nicht
fürchten zu erfahren, was deine bisherige Ordnung sprengt.“
© Petra
Mostbacher-Dix, im Februar 2006